Warum es Tote auf der Loveparade 2010 geben musste...
Von international bis national, sämtliche Medien berichten über die gestrige Tragödie auf der Loveparade, bei der mindestens 19 Menschen ums Leben kamen. Unter den bisher 16 identifizierten Toten soll es auch jeweils einen Niederländer, Australier, Italiener und Chinesen gegeben haben.
Auch ich war gestern auf der Loveparade 2010 in Duisburg unterwegs. Ich werde im folgenden aus meiner persönlichen (auch chronologischen) Sicht erläutern, warum dieses Unglück absehbar war. Die Loveparade 2010 sollte meine erste Loveparade werden. Natürlich hatte ich von Freunden und Bekannten bereits einiges von den vorherigen Veranstaltungen gehört. Wie gut die Veranstaltung in Berlin, und wie schlecht diese beispielsweise in Essen funktioniert hatte. Auch heute sprach ich noch mit einer Freundin, die dieses Jahr nicht mitgefahren war, über die Probleme am Essener Bahnhof vor zwei Jahren. Auch damals stand es wegen der Überfüllung des Bahnhofs kurz vor einer Massenpanik. Dies war unter anderem ein Grund, warum sie nicht mitgefahren war. Bereits letztes Jahr wurde die Loveparade in Bochum wegen Sicherheitsbedenken abgesagt.
Dieses Jahr war ich mit Freunden auf der Loveparade, die größtenteils aus der Veranstaltungsbranche kommen. Teilweise waren sie am Aufbau der Bühnen auf vergangenen Loveparades beteiligt. Ebenfalls hatten sie bereits Erfahrungen mit ähnlichen Großevents. So blieb es nicht aus, dass direkt nach der Ankunft in Duisburg das Thema Organisation zur Sprache kam. Es ist schon bedenklich, wenn einem die mangelhafte Organisation bereits als Laien auffällt. Erst recht werden Probleme aufgedeckt, wenn man mit Profis unterwegs ist.
Wir erreichten den Duisburger Hauptbahnhof nach etwa 1 1/2 Stunden Zugfahrt aus Köln um 14 Uhr. Wir setzen uns nach der Ankunft erst einmal vom Mainstream ab, um in einer Seitenstraße zu frühstücken. Um ca. 15 Uhr machten wir uns auf den Weg zum Festivalgelände. Einigen war bis dahin gar nicht bewusst, dass die Veranstaltung auf einem in sich geschlossenen Gelände stattfindet. Das Festivalgelände, welches grob geschätzt 300 - 400 Meter breit und 1 1/2 - 2 Kilometer lang war, konnte nur über einen Eingang erreicht werden. Obwohl das Gelände direkt am Bahnhof anfing, lag der Eingang am anderen Ende des Geländes, sodass erst einmal ein relativ langer Fußweg um das Gelände herum nötig war. Bereits auf den 6 Meter breiten Straßen zum Gelände herrschte ein dichtes Gedränge, welches durch eine Flaschenkontrolle ausgelöst wurde. Diese wurde später in den Medien laut Aussage der Polizei auch als Zugangssteuerung genutzt. Komischerweise war zum Zeitpunkt, als ich diese Stelle passierte keine oder kaum Polizei anwesend, die eine Regulierung hätte durchführen können. Fünf Security's des Veranstalters führten recht oberflächlich Taschenkontrollen durch. Wenn man sich vorstellt, dass alle Besucher des Festivals durch dieses Nadelöhr mussten, war der Grund für das Gedränge in den engen Straßen vorher klar. Bis zum besagten Tunnel waren es von dieser Stelle aus noch grob 500 Meter. Der Tunnel selber hatte ebenfalls nochmals eine Länge von 300 Meter. Zum Zeitpunkt, an dem ich durch den Tunnel ging, war dieser im Vergleich zu den Massen, die ich später auf Fotos gesehen habe, noch relativ leer. Irgendwann kam auf der rechten Seite die Rampe zum Vorschein, die wir problemlos begehen konnten. Geradeaus war bereits eine große Menschenmasse versammelt, da die Wegstrecke der Floats direkt am Ende der Rampe vorbeiführte. Um von der Rampe wegzukommen, war es quasi nur möglich, über Hügel an der jeweils rechten und linken Seite hinwegzukrachseln. Diese waren ursprünglich durch Bauzäune versperrt. Bereits als ich auf der linken Seite den Hügel bestieg war der Bauzaun bereits niedergetrampelt. Als ich oben ankam, half ich noch einem jungen Mädchen und einer etwa 50 jährigen Frau den Hügel herabzusteigen, indem ich ihre Hände festhielt, während sie herabschlitterten, um am unteren Ende von einer veranstaltungseigenen Security in Empfang genommen zu werden.
Nach mehreren Stunden Gedränge und Krachseln hatten wir nun das Festivalgelände erreicht. Die Stimmung war nach den bisherigen Erlebnissen des Tages natürlich nicht die Beste und nur bedingt partytauglich. Es vergingen etwa zwei Stunden, bis wir Spaß an der Loveparade gefunden hatten. Nach etwa einer halben Stunde an der Wegstrecke der Floats parallel zu einem großen Gebäude, zu einem Zeitpunkt, an dem die eigentliche Parade laut Zeitplan bereits lange vorbei sein sollte, erfuhren wir von einem anderen Freund, der sich als Berufstwitterer bezeichnet und von der Loveparade wie wild twitterte, dass es im Bereich des Tunnels 10 Tote gegeben hatte. Keiner in unserer Umgebung hatte bisher etwas davon mitbekommen. Es wunderten sich einige nur, dass ein Polizeihubschrauber relativ tief über dem Gelände schwebte. Nachdem wir eine halbe Stunde ratlos herumstanden entschlossen wir uns dazu, das Gelände über die mittlerweile geöffneten Notausgänge parallel zur Autobahn zu verlassen. Dort sahen wir bereits überall Rettungskräfte und einige geparkte Rettungshubschrauber auf der Autobahn. Ebenfalls sahen wir einige in gold-glänzenden Rettungsfolien verpackte Personen, die betroffen im Kreis von bekannten standen. Wir setzten unseren Weg über Feldwege und schmale Treppen weiter fort, um letztendlich wieder auf eine Straße zu gelangen. Auch hier war alles voll von Polizei- und Rettungswagen. Nach dem durchqueren eines Wohngebietes mit Einfamilienhäusern und eines Parks hörten wir, dass der Bahnhof geschlossen sei. Deshalb entschieden wir uns dazu, ersteinmal bei einem in der Nähe befindlichen Griechen zu Essen. Dort sahen wir auch die ersten Fernsehbilder auf N24, die über das Unglück berichteten. Mittlerweile war von 15 Toten die Rede.
Um etwa 22 Uhr erreichten wir den Duisburger Hauptbahnhof und setzen uns in einen Sonderzug nach Köln. Der Zug konnte über eine Stunde nicht abfahren, da in der Zugtoilette ein junges Mädchen kollabiert war. Aus der Toilette selber war kein Lebenszeichen zu hören. Ihr Bruder stand davor und beflehte die anwesenden Polizisten, Notärzte und Bahnbeamte, seine Schwester aus der Toilette herauszuholen, bis dieser von der Toilette weggezogen wurde. Über 1 1/2 Stunden versuchten nun Polizisten die Tür aufzubrechen. Das Schloss ließ sich anscheinend von außen nicht mehr öffnen. Ein Anlauf mit Sprung gegen die Tür war ebenfalls nicht möglich, da der Gang eine breite von weniger als einem Meter hatte. Die Polizisten versuchten es mit Tritten, Schlagstöcken und Brecheisen. Nichts half, da die Plastiktür die Tritte sehr leicht abfedern konnte. Auch hatte die Toilette kein Fenster, welches man hätte einschlagen können. Eine Axt ließ sich anscheinend auf dem gesamten Bahnhof nicht auftreiben. Die alarmierte Feuerwehr traf in der Zeit, in der ich mich in dem Zug befunden hatte ebenfalls nicht ein.
Um etwa halb 1 Uhr entschieden wir uns, einen anderen Zug nach Düsseldorf zu nehmen. Nach einer halben Stunde Wartezeit in der Landeshauptstadt konnten wir unsere Fahrt nach Köln um halb 2 Uhr fortsetzen. Um 2 Uhr in der Nacht erreichten wir nach einem 14 stündigen Tag, an dem wir eine halbe Stunde entspannt feiern konnten unseren Ausgangspunkt Köln Hauptbahnhof.
Insgesamt muss man sagen, dass es absehbar war, dass solche Massen für Duisburg nicht geeignet waren. Unverständlich ist auch, warum ein Gelände gewählt wurde, dass nur für 350.000 Menschen zugelassen ist. Bereits vor zwei Jahren waren 1,8 Millionen Besucher auf der Loveparade, wie kann man folgend nur mit dieser geringen Anzahl an Besuchern rechnen? Eine weitere Frage die sich stellt ist, warum nicht ein zweiter Eingang in der Nähe des Bahnhofs eingerichtet gewesen ist. Auch muss man sich fragen, wieso sich die Menschen so schlecht nach der Rampe auf dem Gelände selber verteilen konnten? Warum war am Ende der Rampe direkt die Zugstrecke der Trucks? Warum waren so wenige Security's an der Zugangsbeschränkung wenige hundert Meter vor dem Tunnel? Warum war die sowieso gesperrte Autobahn, die direkt parallel zum Bahnhof entlang führt kein weiterer Zugang, sondern nur Notausgang? Warum wurden die Bedenken von Feuerwehr und Polizei nicht ernst genommen? Fragen, die jetzt geklärt werden müssen. Ich war jedenfalls bereits auf dem Gelände stinkwütend auf die Veranstalter.
Hier nochmal einige Eindrücke vom Rettungsweg, die ich mit dem iPhone gefilmt habe:
Fotos vom Tunnel und der Rampe:
Bildquelle: Spiegel OnlineGoogle Maps:
Radiointerview mit MDR Sputnik (Pendant zu Einslive in Mitteildeutschland):
Ein weiterer Augenzeugenbericht:
http://mein-koeln.blog.de/2010/07/25/loveparade-9036644/
Der Text darf zitiert und komplett übernommen werden, solange ich über die Verwendung aufgeklärt werde.

